Rezensionen

Das richtige Buch zur rechten Zeit: Klimawandel und seine sich abzeichnenden katastrophalen Folgen, Militärrüstung, Fragen an Philosophie und Theologie. Kirchenreligionen in Verruf - unterm Dach des Vatikan brennt´s lichterloh - und vieles mehr.

Weißenborn, von je her ein Meister des pointierten Essays, der Satire ("Darf die Satire alles?") auch der ätzenden Kritik, hat hier 46 Arbeiten aus einer Schaffenszeit von 50 Jahren (1969-2019) zusammengetragen.

Erstaunlich, aber auch beklemmend, wie aktuell immer noch auch die länger zurückliegenden Arbeiten sind.

Zu Beginn erläutert Weißenborn, warum er es für die Aufgabe des Schriftstellers hält, Sprecher der Sprachlosen zu sein. Sprachlos seien vor allem die zu Außenseitern und Randständigen jedweder Art Gestempelten: Sie würden nicht verstanden, weil man sie nicht verstehen will, oder kann. Das Wort Außenseiter, so der Autor, sei eine Kategorie der Verdrängung, Ausgrenzung und Abwertung. Am Beispiel des gesellschaftlichen Umgangs mit psychisch Kranken, den Anderen schlechthin, belegt er seine Sichtweise nicht erst in dieser seiner Publikationen.

Und welche Wichtigkeit er der Beherrschung von Sprache, ihren Differenzierungsmöglichkeiten und Bedeutungsebenen beimisst, zeigt sich in jedem der Beiträge aufs Neue. So werden die zunehmende Nivellierung, Verflachung und begriffliche Bedeutungsverfälschungen am journalistischen Umgang mit Texten generell, und insbesondere am Tragikbegriff beispielhaft gemacht.

Alle Beiträge greifen ungelöste oder unbefriedigend gelöste Probleme und strittige Themen auf, und stehen alle auf philosophischem und politischem Grund. Seine Methode ist durchgängig die der philosophischen Dialektik. Mit ihr spürt er gesellschaftliche Widersprüche und Risse in der Oberfläche gesellschaftlicher Konvention auf, macht sie sprachlich "sichtbar", artikuliert sie anschaulich und nachvollziehbar: Bringt sie auf den Punkt.

So gelingt es auf überzeugende Art und Weise, die fundamentalen Unterschiede zwischen theologischer und psychologischer Seelsorge zu beschreiben, und ihre Unvereinbarkeit zu belegen, denn beiden liegen völlig unterschiedliche Welt und Menschenbilder zugrunde. Auch die Zielperspektiven könnten nicht unterschiedlicher sein: Die Theologie weist in Richtung Unsterblichkeit und Ewiges Leben, die Psychologie bleibt im Hier und Jetzt. ("Psychotherapie und Seelsorge") Welch gefährliche Verirrung für Betroffene die Anwendung theologisch legitimierter Prozeduren bedeuten kann, zeigt der Beitrag über den Exorzismus.

Ein weiterer Themenkreis befasst sich mit Fragen gesellschaftspolitischen Engagements und damit auch Fragen nach Qualität und Handlungsstrategien herrschender Politik.

So wird u.a. in den Beiträgen "Das Unbehagen in der Demokratie" und "Verantwortung, ja - aber wofür?" über Ist und Soll von Verfassungswirklichkeit und Verfassungsnorm nachgedacht.

Aber auch und vor allem, wie steht es mit der ethischen Qualität der uns Regierenden, tun sie was sie versprechen und setzen sie ihre Versprechungen in konkretes politisches Handeln um?

Weißenborn´s Bilanz fällt nüchtern und schonungslos aus: Tarnen, täuschen und sich verdrücken, bevor man belangt werden kann. ("Werden wir von Narren regiert?", "Das Kapital lässt die Puppen tanzen") Am Ende war dann alles nicht so gemeint, es wurde falsch verstanden, und in der höchsten Not können auch Gedächtnislücken rettend sein!

Der Beitrag: "Raketentaufe im Hunsrück" erinnert uns schmerzlich an die aktuellen Aufrüstungsdiskussionen! Wobei wir doch dachten, er sei vorbei, der Kalte Krieg.

Auch über die eigene Berufung, seine Profession sinnt er nach z.B in: "Kennzeichen dichterischer Gestaltung oder Ohrfeigen für literarisches Banausentum". Hier lässt uns der Autor einen Blick in die eigene Werkstatt werfen. Dabei können wir Wichtiges über den schriftstellerischen Schaffensprozess erfahren und Unterscheidungskriterien bezüglich der Qualität von gelungener oder missratener Prosa und Dichtung kennenlernen.

Die hier versammelten Texte erweisen sich als unerschöpfliche Quelle zur Anregung des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Darüber hinaus können sie auch als ein lebendiges, schriftstellerisches Dokument der unterschiedlichsten Facetten unserer Zeitgeschichte gelesen werden. Und: Vielleicht wird der Leser durch die Lektüre angeregt und neugierig gemacht sich der Poetik und dem Romanwerk Weißenborns zu nähern ... was nur zu wünschen wäre!

Dr. Martin Wollschläger